Integration

Integration von Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung

Im Leben von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Hörbeeinträchtigungen dreht sich sehr vieles um das Thema Integration. Schon sehr früh im Leben ist ein Kind damit konfrontiert, seine neu gewonnenen Höreindrücke in seine bisherige Entwicklung zu integrieren, denn bis zu einer gesicherten pädaudiologischen Diagnose vergehen auch heutzutage noch mehrere Wochen bis Monate.

Damit sich die Kinder vom Moment der Hörgeräteanpassung an langsam an die neuen Höreindrücke gewöhnen können, werden die Hörgeräte vom Pädakustiker mit grösster Sorgfalt programmiert und die Einstellungen in den Folgewochen laufend verfeinert. Die Eltern gestalten diesen Prozess des Hörenlernens aktiv mit und werden darin von einer Audiopädagogin unterstützt. Beobachtungen aus dem Alltag und der audiopädagogischen Förderung sind für den Pädakustiker und die Pädaudiologin auch deshalb so wertvoll, weil gegen das Ende des ersten Lebensjahres in vielen Familien schon der Entscheid für eine Versorgung mit Cochlea Implantaten ansteht. Parallel zu all den Fragen rund um das Hörenlernen und den Spracherwerb erfolgen weitere Integrationsschritte: einerseits gewöhnt sich die Familie und das weitere Umfeld des Kindes an die Hörhilfen und lernt, entwicklungsförderliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um dem Kind die Kommunikationsentwicklung zu erleichtern respektive überhaupt zu ermöglichen. Andererseits wendet das Kind alle schon aufgebauten Fähigkeiten an, um sich aktiv in sein Umfeld zu integrieren, sei dies innerhalb der Familie, im Baby- Schwimmen, in der Krabbelgruppe oder in einer Kita. Überall erprobt das Kind sein Kommunikationsrepertoire und verfeinert seine Kompetenzen in den Bereichen, die ihm angeboten werden. Bewegt es sich in mehrsprachigen Kontexten, wird es lernen, die jeweilige Sprache im jeweiligen Kontext anzuwenden.

Sobald das Kind das Spielgruppenalter erreicht, kommt es mit den Kindern in Kontakt, mit denen es teilweise seine Kindergarten- und Schulzeit verbringen wird. Erneut wird von Anfang an grosser Wert auf eine gelingende Integration gelegt, damit das Kind sich selbst als kommunikationskompetent erleben kann und eine echte Teilhabe in der Gruppe möglich wird. Dazu erhält die Audiopädagogin die geplanten Themen und weitere Informationen wie Lieder, Singspiele und Verse im Voraus, um sie in der Einzelförderung mit dem Kind unter guten akustischen Bedingungen spielerisch und altersgerecht aufzubauen. Das Kind wird mit grosser Freude seine Entdeckungen in der Gruppe mitteilen und Schritt für Schritt in die altersgemässe Kommunikation hineinwachsen.

Die Integration des Kindes ist somit eine wechselseitige Angelegenheit – einerseits werden Zwischenschritte geschaffen und die Rahmenbedingungen so angepasst, dass das Kind trotz seiner Hörbeeinträchtigung teilhaben kann, andererseits integriert sich das Kind alters- und begabungsgemäss selber und schöpft aus den vielen Erfolgserlebnissen Mut und Kraft für weitere Lern- und Entwicklungsschritte.

Der Kindergarten ist aufgrund des hohen Störlärmpegels die schwierigste Schulstufe. Gelingt es den Beteiligten, die Hör- und Lernbedingungen so zu optimieren, dass das Kind trotz der Hörbeeinträchtigung in allen Erlebnisfeldern mithalten kann, ist ein wichtiger Meilenstein erreicht: das Kind erlebt seine selbstverständliche Zugehörigkeit und die echte Teilhabe. Diese Erfahrung ist fundamental für das weitere Lernverhalten im Schulalter, da das Kind gar nicht erst auf die Idee kommt, sich mit Unverstandenem zufrieden zu geben. Verstehen und Dabeisein muss der normale Standard sein, bei Unverstandenem – sei dies aus akustischen oder inhaltlichen Gründen – wird nachgefragt und um das Verständnis gerungen. Diese aktive Grundhaltung ist allen Schülerinnen und Schülern eigen, die ihr Schulkarriere erfolgreich durchlaufen können. Natürlich ist der Erfolg einer gelingenden Integration auch auf Schul- und Berufsbildungsebene immer ein wechselseitiges Resultat von verschiedensten Beteiligten. Der Nachteilsausgleich ist ein behinderungsspezifisches Recht von Menschen mit Hörbeeinträchtigungen. Es wird nicht diskutiert, ob er umgesetzt wird, sondern in welcher Form er den Bedürfnissen der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen am besten Rechnung trägt.

Raumakustische Anpassungen sind sehr häufig nötig, da auch die besten Hörhilfen und Funk-Anlagen eine schlechte Raumakustik nicht wettmachen können. Je mehr die jungen Menschen aus eigener Kraft verstehen können, desto umfassender können sie sich am Unterricht, an Gruppenarbeiten, Diskussionen und Gesprächen beteiligen. Als besonders hilfreich erweist sich dabei das vorausschauende Lernen, die «Vorentlastung». Dabei werden Themen und Inhalte durch die Audiopädagogin im Voraus vermittelt, damit es den Kindern und Jugendlichen im Unterricht länger möglich ist, eigenverantwortlich am Unterrichtsgeschehen teilzuhaben. Natürlich steht hinter jeder nachhaltig gelingenden Integration ein ganzes Team, das engagiert zusammenarbeitet. Das Kind mit seinen Geschwistern und Eltern, die pädagogischen Teams mit der Audiopädagogin und die weiteren Fachleute aus Pädakustik, Pädaudiologie, Pädiatrie und aus dem riesigen Feld der Berufsbildung. Die allergrösste Leistung erbringt aber tagein, tagaus das Kind mit der Hörbeeinträchtigung, das sich aktiv und mit grossem Kraftaufwand für eine gelingende Kommunikation einsetzt und damit seine eigene Integration ermöglicht.